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Geldfreier leben: warum es uns alle angeht /Interview mit Living-Utopia

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Heute schreibe ich mal wieder über ein ganz anderes Thema als Rohkost. Ein Thema was mir persönlich sehr am Herzen liegt und gleichzeitig auch ein Thema welches uns alle angeht.
Es geht um Nachhaltigkeit und Ressourcenverschwendung, um Menschlichkeit und Menschenrechte, um unseren Selbstwert und unsere Selbstverwirklichung. Und was all das mit Geld zu tun hat, das könnt ihr im Folgenden lesen.
Die einen freuen sich wenn sie viel Geld haben, aber es gibt auch immer mehr Menschen, die Geld bewusst ablehnen und ein geldfreies Leben führen- mitten in Deutschland. Zwei davon durfte ich kennen lernen und habe ein Interview mit ihnen für euch zusammengestellt.
Aber ich fang erst mal ganz von vorne an, wie es dazu kam und warum das Ganze mich nicht mehr los lässt.
Es fing diesen Sommer mit meinem Besuch im Ökodorf Sieben Linden in der Altmark an. Dort habe ich zusammen mit meinen Jungs an dem Sommercamp teil genommen, d.h. eine Woche zelten und tagsüber interressante Workshops für die Erwachsenen und Waldpädagogik für die Kinder. So konnten sich alle entspannen und hatten eine schöne Zeit.
Ich durfte mir zwischen ungefähr 10 verschiedenen Workshopthemen eins auswählen, womit ich mich dann an 5 Vormittagen beschäftigen konnte.
Es gab viele interressante Themen, die mich interressiert haben: über Tiefenökologie und Yoga, biodynamisches Gärtnern und Vertiefung der gewaltfreien Kommunikation. Aber ein Thema hat mich ganz besonders interressiert und das war „Wege in eine geldfreie Gesellschaft“.
Nachdem ich vor 2 Jahren das Buch von Raphaell Fellmer „Glücklich ohne Geld“ bereits gelesen hatte hat sich mein Leben, d.h. mein Konsumverhalten schon verändert und somit auch meine Freude und Glück (Bericht hier).
Als dann Tobi und Pia von Living Utopia die Themeninhalte des Workshops vorstellten wußte ich das es genau das Richtige ist was jetzt gerade zu meiner Lebenssituation passt und das es für mich sehr wichtig ist mich damit zu beschäftigen. Was ich vor dem Workshop nicht wusste war das er mich so sehr  zum Nachdenken anregt und mich auch gleichzeitig inspiriert und das ich jetzt an einem Punkt in meinem Leben stehe wo ich weiß das sich etwas verändern wird, denn es hat für mich das Thema Konsum und Geld nochmals von anderen Seiten beleuchtet. Mir ist es somit auch ein großes Anliegen das was ich erfahren habe mit Dir zu teilen, und vielleicht so den ein oder anderen zu inspirieren ein etwas geldfreieres Leben anzustreben.

Aber warum denn nun geldfreier?
Ist es denn nicht schön viel Geld zu besitzen, sich somit viele Wünsche erfüllen zu können und damit tun zu können was man möchte?
Geld gibt doch auch Sicherheit: ich kann mir damit eine schöne Wohnung leisten, mir Kleidung und zu Essen kaufen und für Tätigkeiten, zu denen ich keine Lust habe, nehme ich mir einfach jemanden anders und gebe ihm Geld dafür das er z.B. meine Wohnung putzt,auf meine Kinder aufpasst oder sich um meine Steuererklärung kümmert.
Das klingt doch super, oder?
Demnach müßten ja genau die, die sehr, sehr viel Geld haben zu den glücklichsten Menschen dieser Welt gehören. Wäre doch logisch, oder? Das würde uns zu der Außeinandersetzung mit Themen führen wie z.B. was Glück überhaupt ist. Ob es mit Geld überhaupt bezahlbar ist? Aber das würde hier den Rahmen sprengen und diese Frage kann ja jeder für sich im Stillen beantworten.
Vielmehr möchte ich hier darauf eingehen was der Umgang mit Geld für uns als Gesellschaft bedeudet und auch nochmal auf das Thema Konsum und warum es aus ökologischer Sicht absolut Sinn macht weniger zu konsumieren.
In meinem Bericht, den ich im Januar geschrieben habe, habe ich bereits viel zu diesem Thema geteilt. Ich kann es kurz und knapp zusammen fassen: alles was Du kaufst, egal ob es ein Kleidungsstück, etwas zu Essen, ein neues Smartphone oder ein Möbelstück ist wird irgendwo produziert, bzw. beim Essen angebaut. Die Produktion dieser Güter geht auf Kosten unserer Ressourcen, die bekannterweise nur begrenzt sind. Für ein einziges neues Baumwoll T-Shirt (egal ob fair produziert oder nicht) werden bis zu 2700 Liter Wasser benötigt, denn neben dem Anbau von Nahrungsmitteln ist vor allem die Baumwolle für Kleidung im Anbau sehr wasserintensiv. Das Wasser wird zur Reinigung der Baumwolle und der aus ihr entstehenden Stoffen, zur Fertigung der Farben für die Baumwolle und so weiter gebraucht, d.h. ein farbiges T-shirt benötigt noch mehr Wasser wie ein weißes. So kann in einigen Fällen der Wasserverbrauch auf 15.000 Liter pro Shirt ansteigen.

Für die Herstellung eines Smartphones werden die Metalle Tantalum, Kobalt und Kupfer abgebaut. Diese Rohstoffe kommen überwiegend aus dem Kongo, wo sie im Tagebau abgebaut werden. Für deren Freisetzung werden Unmengen an Chemikalien benötigt, die widerrum die Umwelt belasten. Diese Metalle sind zwar in sehr geringer Menge im Smartphone enthalten. wenn Du aber bedenkst das der durchschnittliche Bundesbürger sich alle 18 Monate ein neues Handy kauft, welches ja auch durch günstige Vertragsbedingungen des Anbieters gefördert wird und so eine Menge von 23 Millionen Handys alleine in Deutschland zusammenkommt (im Jahre 2012), ist die Menge an diesen Metallen gar nicht mehr so gering. Die Verschrottung der häufig noch funktionsfähigen Handys belastet die Umwelt wiederholt. Allein in Deutschland werden jährlich 1,8 Millionen Tonnen Elektroschrott produziert, der die Umwelt stark belastet.

Dies sind nur 2 Beispiele, die beliebig fortgeführt werden könnten. Egal was gekauft wird. Es werden Ressourcen benötigt. Hinzu kommen sehr, sehr häufig miserable Arbeitsbedingungen der Arbeiter/innen in den Herstellungsländern und Transportwege.
Am 8.August dieses Jahres war der Earth- Overshhot day.
Schon mal gehört? Das ist der Welterschöpfungstag, d.h. es sind alle Ressourcen für dieses Jahr bereits verbraucht. Es müßte sofort mit dem Abbau aufgehört werden, damit sich die Erde wieder erholen kann. Dies wird natürlich nicht getan. Auch politisch passiert in dieser Hinsicht recht wenig, d.h. wir als Verbraucher sind gefragter denn je.
Wenn wir uns dann noch anschauen wie achtlos wir sehr häufig mit Kleidung und anderen Konsumgütern umgehen, die wir gekauft haben, macht sehr deutlich das wir Teil des Ganzen sind, das wir daran beteiligt sind das die Ressourcen dieser Erde so verschwendet werden. Das T-shirt, welches letztes Jahr erst neu gekauft worden ist ist dieses Jahr nicht mehr hipp genug, so das es weg geworfen wird und da es bei H&M jetzt gerade T-shirts für 9,99€ gibt kauft man eben mal 5 Stück, weil es ja so billig ist. Zu Hause stellt man dann fest das man vielleicht doch ein wenig zu enthusiastisch beim Einkauf war und das die gekauften T-shirts doch nicht so schön sind, weil irgendwie der Bauch darin nicht flach genug aussieht und so landen diese ungetragen für immer im Schrank und man denkt man würde sie vielleicht irgendwann noch mal anziehen. Egal on Kleidung, Möbel, Elektronikgeräte oder Sonstiges: wenig wird noch repariert, sondern es ist viel bequemer und leider auch häufig günstiger sich etwas Neues an zu schaffen.
Als mir dieser Kreislauf vor nun fast 4 Jahren bewusst wurde konnte ich gar nicht anders als auf Neuware zu verzichten und statt dessen meine Sachen vom Flohmarkt zu kaufen.
Der bewusste Verzicht auf Neuware ist ein erster Schritt in ein geldfreieres Leben, denn jeder, der mal auf einem Flohmarkt war oder bei Ebay-Kleinanzeigen gestöbert hat weiß das gebrauchte Sachen nur noch einen Bruchteil von dem kosten, was sie einmal neu gekostet haben. Somit spart man viel Geld.
Ein weiterer Punkt des Workshops war zu hinterfragen warum wir überhaupt kaufen. Wenn wir nämlich wirklich nur das kaufen würden was wir brauchen, hätten wir alle viel, viel weniger Dinge. Trotzdem wird für ein neues Auto gespart, der modernste Flachbildschirm ziert das Wohnzimmer und in der Küche übernehmen modernste Küchengeräte jeden Handgriff und für das Reihenhaus im Grünen haben wir uns restlos verschuldet . Aber warum? Warum brauchen wir das neue Auto, den Flachbildschirm, das Haus, ständig neue Klamotten u.s.w.?
Antwort: wir kompensieren mit dem Kauf dieser Dinge unsere unerfüllten Grundbedürfnisse. Jeder Mensch, egal in welchem Land er aufgewachsen ist hat die gleichen Grundbedürfnisse. Dies ist das Bedürfnis nach bedingungsloser Liebe, nach Anerkennung, Sicherheit, Orientierung, Autonomie und einem sinnvollem Tun.
Diese Bedürfnisse sind vielen von uns nicht bewusst, sonst könnten wir sie leichter angehen. Viel mehr äußert sich der Mangel in einer permanenten, chronischen Unzufriedenheit. Und mit dem Kauf solch schöner Dinge fühlen wir für eine begrenzte Zeit diesen Mangel nicht, sondern wir fühlen und gut, manchmal richtig gut sogar. Aber wie gesagt ist dieser Zustand sehr begrenzt. Häufig hält er noch nicht mal für einen Tag. Ein weiterer Grund ist das die Werbung uns suggeriert das wir nur dann die tollen Eltern, die tolle Frau/Mann oder was auch immer sind wenn wir einen gewissen Status haben, der abhängig von Besitz ist. Ein Firmenchef z.B. „muss“ mit dem hochglanzpoliertem Mercedes vor fahren, das neue, teure Designerkleid ist ein absolutes „Muss“ wenn man als Frau in gewissen Branchen ernst genommen werden möchte und die Kleinkinder benötigen bereits das teure Holzspielzeug, damit sie optimal gefördert werden. Und nach dem 8-Stunden Tag im Büro geht man noch mit Kollegen in das hippe neue Lokal um die Ecke was Essen. Zu Hause werden dann  einen Tag später verdorbene Lebensmittl aus dem Kühlschrank entfernt und weg geworfen.
Man möchte nichts verpassen, möchte dazu gehören, alles richtig machen.
Das heißt der Weg zu weniger Konsum ist auch immer verbunden mit einer Auseinandersetzung unserer unerfüllten Grundbedürfnisse.
Aber glaubt mir: der Weg lohnt sich!

Dieser Aspekt war mir schon länger bewusst, aber abgesehen davon gibt es noch einen anderen Aspekt warum es durchaus überlegenswert ist geldfreier zu leben.
Dies ist der Aspekt wie ich mit mich selbst und andere Menschen bewerte. Ich schreibe ihnen einen gewissen Wert zu. Und dieser Wert ist bei den meisten abhängig davon welch ein Beruf ein anderer hat, d.h. wie viel er verdient. Niemand würde z.B. auf die Idee kommen sich eine Haushaltshilfe zu suchen und diese zu fragen was ihre Arbeit ihr wert ist und wieviel Lohn sie dafür haben möchte. Wir wären empört wenn sie für eine Stunde Reinigung 50€ haben wolle. Geben wir aber unsere Steuererklärung an einen Finanzberater ab, sind wir bereit 50€/ Stunde zu zahlen. Die Reinigungskraft sowohl der Steuerberater arbeiten eine Stunde, jedoch ist die eine wesentlich mehr wert als die andere. Jetzt könnte man argumentieren das der Steuerberater ja auch ein jahrelanges Studium hinter sich hat, die Reinigungskraft vielleicht überhaupt keinen Beruf erlernt hat. Das heißt der Steuerberater hat im Vorraus bereits sehr viel seiner Zeit in eine gute Ausbildung investiert. Zeit, in der er nichts verdient hat. Das stimmt. Aber auch die Reinigungskraft hat in dieser Zeit etwas getan. Vielleicht hat sie ihre Kinder jahrelang begleitet (erziehen find ich so ein doofes Wort), hat Angehörige gepflegt oder in einem anderen Job gearbeitet. Was auch immer- diese Zeit wird als nicht so wertvoll erachtet wie die investierte Zeit des Finanzberaters in sein Studium. Wir alle bewerten unsere eigene Zeit und die anderer Menschen in sinnvoll oder sinnlos. Und als sinnvoll wird dies erachtet was den meisten Gewinn bringt.
Mit dieser Denkweise gehen uns aber wertvolle Begegnungen mit Menschen verloren und uns selbst eine Menge an Lebensglück. Wenn wir nämlich immer nur nach dem schauen was vom Nutzen ist, was Gewinn bringt, und nicht auch mal viel öfters was einfach nur Spaß macht, kann einem eine ganze Menge an Freude entgehen. Wir alle kennen die extremen Beispiele von Menschen, die total verbittert durch das Leben gehen, weil sie immer nur nach dem schauen was sie tun müssen, statt danach zu schauen was sie tun wollen. Und letztendlich hat diese Denkweise sehr viel mit Geld zu tun, weil wir alle leistungsorientiert erzogen worden sind. Was unsere Eltern nicht geschafft haben, hat dann die Schule geschafft. Gute Leistung, Note 1, schlechte Leistung, Note 6, mit allem was dazwischen liegt. Das heißt haben wir in der Schule „einfach nur“ gemalt wurde das als nicht so wertvoll erachtet wie das Lernen von Mathematik oder Fremdsprachen. Man durfte ja auch gar nicht einfach nur malen. Ich möchte an dieser Stelle noch einen interressanten und lesenswerten Bericht von Pia Selina verweisen. Hier der Link dazu: http://www.huffingtonpost.de/pia-selina-damm/schule-ist-zeitverschwendung_b_12193916.html
Ich denke es wird an dieser Stelle klar was ich damit meine: spätestens in der Schule haben wir gelernt Tätigkeiten in sinnvoll oder sinnlos zu unterscheiden. Und dies behalten wir häufig ein Leben lang bei. Einige lernen einen Beruf in dem sie viel verdienen, der ihnen aber nicht so viel Spaß macht. Der Beruf der ihnen Spaß gemacht hätte, wurde ihnen von sämtlichen Seiten ausgeredet, da man davon ja nicht leben könne oder gar eine Familie ernähren könne. Auch steigt das Selbstbewusstsein sehr häufig mit der Höhe des Gahaltes, gerade auch weil die gesellschaftliche Anerkennung höher ist. Das bedeudet aber auch das diejenigen, die in ihrem Job nicht so viel verdienen häufig ein geringeres Selbstbewusstsein haben, weil ihnen suggerriert wird das ihre Arbeit weniger wert sei. Dabei sind es aber gerade die völlig unterbezahlten Pflege, Erzieher- und Therapeutenjobs, die für unsere Gesellschaft von unglaublichem Wert sind.
Was wäre aber jetzt wenn dieses ganze Bewertungssystem weg fallen würde? Was wäre wenn das Thema Geld keine Rolle mehr spielen würde? Wenn die Zeit der Reinigungskraft genauso wertvoll wie die des Finanzberaters wäre? Würden wir dann endlich mal den Menschen dahinter sehen, unabhängig von dem, was er gelernt hat oder wie er seine Zeit vorher verbracht hat?
Ich weiß auch das viele Menschen in unserem Land große Schwierigkeiten damit haben etwas einfach anzunehmen ohne Geld dafür zu bezahlen oder zumindest eine Gegenleistung dafür zu erbringen. Sie fühlen sich selbst als Schmarotzer wenn sie sich gebrauchte Kleidung schenken lassen oder ihr Essen bei foodsharing abholen würden. Wir fühlen uns häufig nur gut wenn wir für das was wir bekommen bezahlen können. Ich weiß aber auch aus eigener Erfahrung das es sich noch besser anfühlt wenn man etwas annehmen kann ohne dafür zu bezahlen. Denn dann weiß man wirklich das es ein Geschenk war.
Es ist auch so das es eigentlich in jedem Menschen bewusst oder unbewusst drin ist das er Teil einer Gesellschaft sein möchte und zu dieser auch etwas beitragen möchte. Und ebenfalls aus eigener Erfahrung kann ich berichten das wertvolle Bindungen zerstört werden können, wenn man ein Geschenk nicht annehmen kann und immer gleich den Geldbeutel zückt wenn die Nachbarin z.B. nur mal eine Stunde auf die Kinder aufgepasst hat. Sobald dann Geld ins Spiel kommt wird es berechnend: die Nachbarin schaut dann z.B. auf die Uhr wenn sie auf die Kinder aufpasst, fühlt sich nicht wirklich frei weil sie ihre bezahlte Tätigkeit besonders pädagogisch wertvoll gestalten möchte u.s.w. Ich könnte mir gut vorstellen das Du auch einige Beispiele kennst wo Geld einer Beziehung im Weg steht. Wir denken nur zu selten darüber nach.

Aber wie soll das denn gehen so ohne Geld?

Wir alle haben in der Schule gelernt das bevor es Geld gab es nur eine primitive Tauschwirtschaft gab. Jedoch gibt es bei näherem Betrachten keinerlei Hinweise darauf. Das anthropologische Standartwerk über Tauschhandel von Caroline Humphrey von der Universität Cambridge ist zu einem eindeutigem Ergebnis gekommen:“Schlicht und einfach wurde nicht ein einziges Beispiel einer Tauschwirtschaft jemals beschrieben, ganz zu schweigen davon, dass daraus das Geld entstand; nach allen verfügbaren ethnografischen Daten hat es das nicht gegeben.
Ich möchte an dieser Stelle Zeilen aus dem Buch von Friederike Habermann „Ecommony“ zitieren, da ich sie sehr wichtig zum Verständnis finde:
Adam Smith, der die These vom menschlichen Trieb Zum Tauschen in die Welt setzte, siedelte seine Geschichte bei den Indigenen Nordamerikas an. Zu seinen Lebzeiten gab es, so Graeber, in schottischen Büchereien keine verlässlichen Informationen über das Wirtschaftssystem der amerikanischen Ureinwohner. Aber ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Beschreibungen veröffentlicht, mit dem einheitlichen Ergebnis: Niemand tauschte je Pfeilspitzem gegen Fleischstücke. Stattdessen fand sich eine unendliche Vielfalt wirtschaftlicher Systeme. Aber bis heute konnte niemand eine Weltgegend identifizieren, wo der gewöhnliche wirtschaftliche Austausch zwischen Nachbarn in der Form stattfand:“Ich gebe dir 20 Hühner für diese Kuh!“
Die Ökonomen aber ignorierten diese Information schlichtweg-bis heute!
Obwohl selten eine Theorie so vollkommen und systematisch widerlegt wurde, so Graeber, wurde die neue Geschichte nie geschrieben. Die Lehrbücher blieben einfach bei ihrer Geschichte von den zwei Nachbarn , die miteinander- zum Beispiel- Schuhe und Kartoffeln tauschen wollten und nicht konnten. Für Graeber ist der Grund offensichtlich: Geld ermöglicht es, uns so zu sehen, wie die Ökonomen es uns glauben machen wollen: als eine Ansammlung von Individuen und Staaten, deren Hauptbeschaftigung es ist, Dinge zu tauschen.
Beispiele für Tausch finden sich dagebgen ausschließlich bei Begegnungen zwischen Fremden, die sich höchstwahrscheinlich nie wiedersehen werden und zwischen denen es ganz sicher keine regelmäßigen Kontakte geben wird.Kein Wunder also das es in den 100 bis 200 Jahren vor Adam Smith die Wörter für Tauschen zum Beispiel im Englischen, Französischen oder Deutschen wörtlich beschwindeln, hereinlegen und übers Ohr hauen bedeuteten.
Nur Gesellschaften, die bereits Geld kannten, entwickelten in Situationen, wo es nicht mehr zur Verfügung stand, Systeme des Tauschs.
Die Hauptthese des Buches von Graeber besagt, dass Geld eben nicht aus Tauschbeziehungen, sondern aus Schuldbeziehungen entstanden ist.

Warum schreib ich das Ganze?
Weil mir klar geworden ist das es vor dem Geld Gesellschaftsformen gab, die frei handelten, die das teilten, was sie zu viel hatten. Hatte jemand seine Kartoffeln geerntet, hat er sie selbstverständlich mit seinem Nachbarn geteilt. Es war eine Gesellschaftsform, die auf Mitgefühl und Hilfsbereitschaft aufgebaut war und nicht aus Konkurrenz und Neid. Es stellt sich hier natürlich die Frage warum wir alle an das Tauschgeschaft glauben sollen. Würde sich nicht eine gewisse Form von Unmut in unserer Gesellschaft breit machen wenn wir wüßten das Menschen solidarisch geteilt haben? Die Sehnsucht nach diesem Leben ist bei sehr vielen Menschen sehr groß und es würden sich wahrscheinlich viele auf den Weg machen, um eine solche Gesellschaftsform im hier und jetzt zu leben. Das ist aber gar nicht im Sinne unserer Wirtschaft.
Aber unabhängig davon sind immer mehr Menschen auf der Suche nach einem neuen Miteinander. Sie haben es satt den ganzen Tag zu arbeiten nur um ihren Lebensstandart aufrecht zu erhalten. Und es gibt auch immer mehr kreative Menschen, die unglaublich gute Netzwerke erschaffen, in denen sie Dinge und Leistungen teilen. Commons ist das Schlagwort und es gibt immer mehr davon. Sie ermöglichen ein geldfreieres Leben, weil Dinge, die man nicht ständig benötigt, wie z.B. eine Bohrmaschine, festliche Kleidung oder auch ein Auto geteilt werden können.
Dies macht durchaus Sinn, da es z.B.in Deutschland 52 Mio. Autos gibt, Tendenz steigend, jedes Auto aber im Durchschnitt 23 Stunden am Tag einfach nur herum steht und von der einen Stunde in dem es genutzt wird, sitzen nur 1,3 Personen drin.
Commons ermöglichen uns ein geldfreieres Leben zu führen, weil wir uns nicht alles selbst kaufen müssen, sondern bereits Vorhandenes gemeinsam nutzen können.

Fazit dieser Fortbildungs- Woche war es nicht ein völlig geldfreies Leben zu führen, sondern ein geldfreieres. Wenn wir es nämlich schaffen uns zunehmend vom Konsum zu lösen und ein geldfreieres Leben zu führen, müssen wir weniger arbeiten, d.h. wir haben mehr uns zur Verfügung stehende Zeit. Und beides gilt es mit unserer Leidenschaft zu füllen. Von den 8 Stunden, die wir vorher gearbeitet haben, müssen wir jetzt vielleicht nur noch 2-4 Stunden arbeiten. Diese Arbeit sollte eine Arbeit sein, die uns völlig erfüllt, die ethisch und moralisch vertretbar ist. Die gewonnene freie Zeit kann investiert werden in Dinge, die die Welt verändern. Je nach Neigung und Interresse kannst Du Dich für den Tierschutz, den Artenschutz, ehrenamtliche Kinder-oder Altenbetreuung, gesunde Ernährung oder was auch immer einsetzten.
Nur ein Gedankenkonstrukt und Spinnerei? Ich denke nicht! Ich denke das es der Weg zu einer besseren Welt sein wird.

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Auch wenn das Sommercamp und dieser Workshop schon einige Wochen her ist, wirkt er dennoch in mir. Ich brenne für das geldfreie Thema und bin ganz gespannt, wo es mich hin führen wird.
Ich möchte Dir abschließend die Referenten des Workshops vorstellen. Das sind Pia und Tobi von Living Utopia. Die beiden haben 2,5 Jahre geldfrei gelebt und lehnen es auch heute noch ab für ihre Arbeit und Vorträge Geld an zu nehmen. Ich bin dankbar diese Beiden kennen gelernt zu haben und das sie bereit waren sich für ein kleines Interview zur Verfügung zu stellen.

Interview mit Pia und Tobi von Living Utopia

1.Wie kam es dazu das ihr euch entschieden habt geldfrei zu leben?

Pia: Es gab viele Impulse in meinem Leben, die mich den aktuellen Status Quo kritisch reflektieren ließen. In meinen letzten Schuljahren fing ich an, Kleidung (vor allem aus menschenrechtlichen Gründen) nur noch secondhand zu kaufen – damals wusste ich noch nicht, dass es auch umsonstökonomische Strukturen gibt. Nach der Schulzeit, als ich bei meinen Eltern aus- und zum studieren nach Mainz zog, wurde mir mehr und mehr klar, dass nicht nur die Produktion von Kleidung ein Problem darstellt und mit Ausbeutung einhergeht, sondern nahezu all unsere Lebensbereiche davon durchzogen sind und der Globale Norden in einem unglaublichen Überfluss lebt. Wieso also weitere Nachfrage schaffen und damit mit verantwortlich sein für noch mehr Ungerechtigkeit? Ich erfuhr von Umsonstläden und Kleiderteilpartys – nicht mehr benötigte Kleidung wird bedingungslos in kleinen oder auch größeren Events miteinander geteilt.
Dieses Hinterfragen übertrug sich schrittweise auf all meine Lebensbereiche. Vegan lebte ich sowieso schon seit einigen Monaten; nun wollte ich für meine Lebensmittel keine finanzielle Nachfrage mehr schaffen – Zu der Zeit entstand gerade die Initiative „foodsharing – Teile Lebensmittel, anstatt sie wegzuwerfen!“ in Berlin und Köln. Die Idee begeisterte mich, sodass ich sie nach Mainz weiter trug, um dort foodsharing-Strukturen aufzubauen und Lebensmittel zu teilen.

So organisierte ich meine Lebensbereiche und gleichzeitig Aktionen und Projekte geldfrei(er). Geld bezahlte ich nur noch für meine Warmmiete. Im Sommer 2013 zog ich aus meinem WG-Zimmer aus und reiste mit Tobi gemeinsam durch Europa, um Bildungsarbeit zu verschiedenen Themen der Nachhaltigkeit und der Idee einer geldfreien Gesellschaft zu gestalten.

2. Wie waren eure Erfahrungen mit dem geldfreien Leben. Habt ihr irgendeinen Mangel erlebt?

Tobi; Wir leben in einer unglaublichen Wegwerfgesellschaft. Eigentlich gibt es alles zum Leben im Überfluss. Mangel ist konstruiert: Die aktuelle Nahrungsmittelproduktion könnte 12-14 Milliarden Menschen ernähren. Gleichzeitig hungert ungefähr eine Milliarde Menschen – Welch eine Dreistigkeit ist es, diese Hungernden von Lebensmittel auszuschließen? Das Motto ist also: Vorhandenes sinnvoll nutzen!

Ernährung, Kleidung, Wohnen … Einige Zahlen, die sich auf Deutschland beziehen, zeigen, dass der Überfluss enorm ist und machen ihn ein wenig greifbarer:

  • 50 % der produzierten Lebensmittel werden weggeworfen – jede Filiale wirft im Durchschnitt täglich 45kg Lebensmittel weg
  • Durchschnittlich konsumiert jede*r 40 – 70 Kleidungsstücke neu pro Jahr. Das sind 12 kg Stoff.
  • Es gibt viel ungenutzten Wohnraum – allein 1,7 Millionen Wohnungen stehen leer.
  • Wenn sich eines der 52 Millionen Autos bewegt – im Schnitt nur eine Stunde am Tag – sitzen gerade mal 1,3 Personen darin.

Es gilt kreativ zu werden, wenn Du keine weitere Nachfrage für ein Angebot schaffen magst, was sowieso in Hülle und Fülle da ist. Und natürlich musst Du Dir die Suffizienzfrage stellen: Was brauchst Du eigentlich wirklich?

Pia: Meist haben Menschen positiv bis ungläubig überrascht reagiert. Es gab natürlich viele Fragen und Irritationen. Menschen, die wir nach nicht mehr verkäuflichen Dingen fragten, waren oft erleichtert, diese dann nicht wegschmeißen zu müssen, sondern sie sinnvoll weiter geben zu können. Insgesamt haben wir atemberaubend viele schöne Momente gehabt, Solidarität erfahren und vieles teilen können. 

3. Ihr habt die Plattform Living Utopia aufgebaut. Wie entstand diese Idee und was ist das genau?

Im September 2013 haben wir das Projekt- und Aktionsnetzwerk living utopia in Marseille initiiert. Darin organisieren sich Aktivist*innen, die nach den vier begleitenden Motiven geldfrei, vegan, ökologisch und solidarisch Mitmachräume für gesellschaftlichen Wandel organisieren und verwirklichen. Beispielsweise den Mitmachkongress utopival oder die Utopie-Ökonomie-Konferenz UTOPIKON. Ein weiteres Projekt ist die Internet-Kamapagne geldfreier leben, in welcher wir durch verschiedene Angebote wie Newsletter oder Impuls-Videos über die Praxis, Philosophie und Perspektivwechsel des geldfrei(er)en Lebens zum Austausch anregen.

4. Glaubt ihr das eine geldfreiere Gesellschaft in der heutigen Zeit möglich ist?

Pia: Wenn jede*r so leben – teilen, beitragen, Verantwortung übernehmen – würde: Ja. Natürlich nicht mit dem Überfluss, den wir aktuell produzieren und nutzen. Unsere Utopie und Vision ist es ja auch nicht, dass alle Menschen vom Überfluss, leben, sondern, dass es keinen Überfluss mehr gibt, wir die Ressourcen der Erde und unserer Mitmenschen nicht ausbeuten und alle genug zum leben haben.

So, wie momentan die Welt organisiert ist, können natürlich nicht alle leben. Es ist naiv daran zu glauben, das jetztige „Konzept“ wäre erfolgreich umsetzbar. Bereits jetzt leben wir exorbitant über unsere Verhätlnisse: Wenn alle Menschen so viele Ressourcen nutzen würden wie in Deutschland, bräuchten wir drei Erden. Klingt eigentlich nicht sehr vielversprechen und nach „wenn das alle so machen würden“…

Unser Plädoyer ist, sozial-gerecht und nachhaltig sowie commons-basiert zu produzieren, beizutragen und zu teilen, statt zu tauschen und bis dahin Vorhandenes sinnvoll zu nutzen. Wenn das alle machen würden: Ja, das wäre mehr als umsetzbar!

5. Wie kann man eurer Meinung nach aus dem Hamsterrad von Arbeit-Konsum herauskommen, d.h. wie schafft man am besten den Sprung in ein geldfreieres Leben, wenn viele laufende Kosten da sind? Gerade wenn man einen gewissen Lebensstandart aufgebaut hat fällt es manchen ja evtl. etwas schwerer geldfreier zu leben. Die Miete muss gezahlt werden, ohne Auto geht`s nicht, weil man auf dem Dorf lebt, ect…. Habt ihr da einen Tipp?

Tobi:

  1. Was brauche ich wirklich?
    Wir besitzen im Schnitt 10.000 Dinge. Das ist zu viel und eine unglaubliche Überforderung. Vermutlich hatte ich weniger Dinge. Dennoch: Als ich mich so weit reduzierte, dass mein gesamter Besitz in einen Rucksack passte, war das eine große Befreiung. So radikal musst Du natürlich nicht sein. Ein bisschen zu entschlacken, tut jedoch sicherlich gut – und bestimmt gibt es Personen, die Deine aussortierten Dinge genau jetzt benötigen. Und da kommen wir zum nächsten Punkt.
  2. Vorhandenes sinnvoll nutzen! Die Zahlen des Überflusses habe ich bereits weiter oben angesprochen. Es erfordert ein wenig Vernetzung und Kreativität, nichzt einfach in den nächsten Shop zu laufen und neu zu konsumieren. Dennoch können wir Schritt für Schritt mehr auf Vorhandenes zurück greifen, Dinge reparieren oder leihen.
  3. Werde kreativ und vernetze Dich!
    Die Projekte, die versuchen die vorhandenen Ressourcen zu teilen, werden immer mehr und bekannter. Auch hier möchte ich nur ein paar Initiativen nennen, um deren Potential aufzuzeigen:
    foodsharing: Lebensmittel teilen, anstatt sie wegzuwerfen.
    • Kleiderteilpartys, Umsonstläden und online Gruppen wie „free you stuff“ oder Leihläden, beispielsweise den Leila Berlin: http://leila-berlin.de/
    • Die gemeinschaftliche Nutzung von Autos durch Carsharing oder trampen.

6. Ihr habt 2,5 Jahre  geldfrei gelebt. Warum habt ihr euch nach dieser Zeit entschieden wieder Geld an zu nehmen?
Wie geldfrei lebt ihr heute? Wofür gebt ihr Geld aus?

Pia: Aufgrund eines Projekt- und Gemeinschaftshauses, das wir initiiert haben. Tobi und ich hatten zwar auch viele Möglichkeiten, geldfrei zu wohnen, doch war es uns wichtig, recht zentral zu leben, da wir jeweils weiterhin viel unterwegs sind und vor allem mit Freund*innen und anderen Aktivist*inne zusammen leben wollten. Daher initiierten wir eine Gemeinschaft, in der wir die Warmmiete solidarisch mit finanzieren.

Wir leben mit 10 Menschen zusammen und kommen solidarisch für die Warmmiete auf, das heißt: Jede*r gibt so viel auf unser Gemeinschaftskonto, wie es die individuelle Lebenssituation zu lässt. Wir gehen das ganz spielerisch an: Ähnlich wie in einer SoLaWi (Solidarischen Landwirtschaft) schreiben wir Zettel mit unserem Wunschbetrag und legen sie zusammen. Dann addieren wir sie und schauen gemeinsam, ob die gesamte Warmmiete zusammen kommt. Das reflektieren wir dann regelmäßig, um zu prüfen, ob es sich für alle gut anfühlt.

Ansonsten sieht unser Leben ähnlich aus wie zuvor: Wir organisieren Projekte und Aktionen für gesellschaftlichen Wandel, machen Bildungsarbeit inform von Workshops und Projekttagen, schreiben Artikel und lernen/ bilden uns selbstbestimmt weiter in verschiedenen Bereichen. Außer im Bereich der Warmmiete und Krankenversicherung organisieren wir uns weiterhin geldfrei, weil es sich für uns gut anfühlt und es das Nachhaltigste ist, wie wir unser Leben gestalten können.

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Ganz lieben Dank an die Beiden für das schöne Interview.
Hat Dir mein Bericht gefallen? Hast Du vielleicht ebenfalls Erfahrungen mit einem geldfreierem Leben gesammelt? Dann kannst Du mir gerne einen Kommentar hinterlassen.
Schau doch auch mal auf meiner Facebook Seite vorbei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. Lieben Dank für Ihren klasse Beitrag.

    Ich bin bereits länger ein stiller Mitleser. Und heute musste mich
    mal zu Wort melden und „Danke“ sagen.

    Machen Sie genauso weiter, freue mich bereits jetzt schon auf die nächsten Beiträge

    • Diana sagt

      Vielen lieben Dank für Ihr schönes Feedback,
      ich freue mich natürlich sehr das Ihnen meine Beiträge so gut gefallen, besonders weil ich sie aus dem Herzen heraus schreibe. Dinge, die mich bewegen, die mir wichtig sind. Ein geldfreieres Leben wird auch immer wichtiger für mich und deswegen bin ich besonders froh wenn ich andere Menschen mit meinen Beiträgen inspirieren kann.
      Wünsche Ihnen eine schöne Adventszeit
      Diana

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